
Dorian Hunter Buch 3: Der Folterknecht

Dorian Hunter ist Dämonenkiller | Dämonenkiller ist Dorian Hunter
DORIAN HUNTER / DÄMONENKILLER
BUCH 3
Enthaltene Romane:
– Der Folterknecht
– Die Todesengel
– Das Mädchen in der Pestgrube
– Die weiße Wölfin
Meine Bewertung: ★★★★★ – fünf von fünf Punkten für das erste Buch.
Der Band insgesamt: ★★★★½, aufgerundet auf fünf, weil der Mut zur Geschichte das Recht auf eine Delle am Ende verdient hat.
Band 3 ist der bisher persönlichste der Reihe. Nicht weil Dorian Hunter mehr kämpft oder leidet als sonst – das tut er reichlich –, sondern weil dieser Band die Frage stellt, wer er eigentlich ist. Und die Antwort, die er bekommt, ist eine der ungemütlichsten der ganzen Serie: Er ist niemand anderes als Baron Nicolas de Conde, ein französischer Adeliger aus dem 15. Jahrhundert, der einmal mit dem Teufel einen Pakt schloss, daran zerbrach, und seitdem in einem endlosen Kreislauf aus Geburt, Kampf und Tod gefangen ist. Das ist kein Twist für die Galerie – das ist die eigentliche Tragödie der Figur, konsequent zu Ende gedacht.
Erstes Buch: Der Folterknecht
Vlcek macht etwas Cleveres: Er lässt Dorian die Vergangenheit nicht durch Visionen oder Exposition entdecken, sondern durch Lektüre. Ein Tagebuch, das er in seiner Bibliothek findet. Handschrift in frühem Neuhochdeutsch. Baron Nicolas de Conde, 1484. Und das Tagebuch liest sich – das muss man Vlcek lassen – tatsächlich wie ein Dokument, nicht wie eine Rückblende. De Condes Stimme ist präzise, selbstkritisch, von einer fast schmerzhaften Ehrlichkeit: ein gelehrter Mann, der glaubt, den Teufel überlistet zu haben, und der erst im Kerker begreift, dass er nicht der Jäger, sondern das Werkzeug war.
Die Parallelen zu Dorian Hunter sind nie plump: de Conde verliert seine Familie durch den Pakt mit Asmodi, wendet sich daraufhin gegen die Dämonen, verbündet sich mit den Inquisitoren Sprenger und Institoris, hilft beim Malleus Maleficarum – und erkennt zu spät, dass die Inquisition selbst ein Instrument der Dämonen ist. Die Szene im Kerker, wo er unter den Gefangenen den Werwolf entlarvt und gleichzeitig erkennt, dass alle anderen unschuldig sind und er selbst sie dort hingebracht hat, ist eines der stärksten Kapitel des Bandes. Das ist kein Abenteuerplot – das ist echtes moralisches Gewicht.
Equinus, der verwachsene Folterknecht, ist eine der eindrücklichsten Nebenfiguren der gesamten Serie. Ein ausgestoßener Dämon, der wegen einmalig empfundener Liebe entstellt und verstoßen wurde, der Pferde liebt und Menschen foltert, der de Conde auf dem Todeskarren verhöhnt und ihm gleichzeitig mit einer Lanze einen gnädigen Tod verschafft – das ist Figur, kein Typ. Dass ausgerechnet er Dorian am Anfang des Gegenwartsteils als Phillip-ähnliches Orakel erscheint und Olivaro warnt, gibt der ganzen Konstruktion eine Eleganz, die man nicht erwarten durfte.
Olivaros Enthüllung am Ende – Sie wissen es besser als ich. Sie brauchen sich nur anzustrengen – ist theatralisch dosiert und funktioniert genau deshalb. Dorian erfährt, dass er de Conde war, dass er in Jahrhunderten gelebt und gekämpft und verloren hat, und dass er kein Sohn Anastasias war. Die „Prüfung“ auf Schloss Lethian war nie eine Initiation, sondern ein Test: War er brechbar? Er war es nicht. Das beantwortet die Frage aus Band 1 retroaktiv und gibt allem, was bisher passiert ist, eine neue Tiefe.
Zweites Buch: Die Todesengel
Das zweite Buch ist das technisch vergnüglichste des Bandes. Vlcek schickt Dorian in eine Irrenanstalt – nicht als Patient im üblichen Sinne, sondern als Taktik: Dämonen scheinen Geistesgestörte zu meiden, was das Sanatorium zu einem der wenigen wirklich sicheren Orte für ihn macht. Das ist ein schöner konzeptioneller Einfall, und Vlcek nutzt ihn gut.
Die Bewohner von Dr. Demings Abteilung sind eine charakteristische Truppe: John Storm mit seinem Verfolgungswahn, Danny Dean der Sittlichkeitsdelinquent, Betty Drawson die Todessehnerin, die manisch-depressive Katze Kitty Lorraine, der schläfrige Gärtner Gene Hallowell. Keiner von ihnen ist eine Karikatur; Vlcek nimmt sich die Zeit, ihnen Eigenheiten zu geben, die über das Plot-Funktionale hinausgehen. Gene Hallowells Gespräch über Silbertannen und auffällig lange Gruben ist ein kleines Kabinettstück.
Das zentrale Rätsel – wer ist der schwarze Todesengel, und warum verschwinden die Toten? – entfaltet sich mit einer gewissen Gemächlichkeit, die gut zum Setting passt. Dass Dr. Deming schließlich als Medium der Schwestern entlarvt wird, der ihre Morde vertuscht hat, ist logisch und befriedigend. Weniger überzeugend ist das Ende: Die Schwestern Mercy und Hercy, ehemalige Wiener Hexen, die Asmodi einmal herausforderten und im Wahnsinn endeten, nehmen das Gift freiwillig und sterben friedlich. Das ist eine elegante Lösung – aber sie lösen das Problem ihrer eigenen Mitschuld an drei Toden etwas zu souverän auf.
Cocos Auftritt mit der Information über die Schwestern ist der Motor für Band 3 und 4. Dass ausgerechnet sie die Verbindung nach Wien herstellt, ist narrativ geschickt. Der Katakombenplan mit dem markierten Kreuz, die Dokumente auf Namen Elisabeth und Maria Reichnitz, Stephansplatz 80, 1713 – das ist ein schöner Cliffhanger, der ins dritte Buch zieht.
Drittes Buch: Das Mädchen in der Pestgrube
Davenport übernimmt, und Wien bekommt einen Roman, der mit Abstand der atmosphärisch dichteste des Bandes ist. Schon der Auftakt – Bauarbeiter Fritz Heller, Pressluftbohrer, Stephansplatz, Pestepidemie-Knochen, und dann dieses seltsame blonde Mädchen, das aus der Erde steigt und ihn durch puren Blickkontakt tötet – setzt einen Ton, den der Roman über weite Strecken hält.
Norbert Helnwein ist eine underschätzte Figur. Der alte Wiener Bekannte, der alles weiß und nichts sagen will, der nachts auf der Couch schläft statt im Bett, der bei Steffis Erwähnung blass wird und zum Schnitzel bittet, als würden gute Manieren die Wahrheit ersetzen – das ist Vlcek-ähnliche Sorgfalt von Davenport, der seinen Protagonisten durch Helnweins Informationsverweigerung treibt.
Die Katakombentour als Touristenführung ist ein kluges erzählerisches Mittel: Der Leser erfährt mit Dorian die Topographie des Schauplatzes, ohne dass es wie Exposition wirkt. Die Pestgrube, acht Meter tief, 15.000 Tote aufgeschichtet – das ist der Ort, in dem Steffi dreihundert Jahre lang lag, ohne zu verwesen. Asmodis Geist hatte ihren Körper in Besitz genommen, der Gesichtslose (der neue Asmodi II.) hatte ihr Gedächtnis gestohlen und sie mit Pest infiziert. Körper stirbt, Seele bleibt. Dreihundert Jahre. Bis Heller sie ausgräbt.
Die Rückblende ins Jahr 1713 – Dorian/Ferdinand Dunkel, Steffis Geliebter, Zeuge des dämonischen Körpertauschs, gelähmt, hilflos, zuerst zu jung zum Verstehen – ist ein kleines Meisterwerk der Konstruktion. Dass Ferdinand diese Szene nicht einmal richtig sieht (er ist gelähmt, er sieht nur Fragmente), macht das Grauen größer, nicht kleiner. Dass der Gesichtslose ihn nicht tötet, weil er etwas spürt – Dorians Unsterblichkeit, seine besondere Natur –, verbindet die Zeitebenen geschickt.
Der dämonische Kreislauf (Asmodi I. im toten Mädchenkörper, Familie Zamis als Komplizen, die Reliquien als Schwachpunkt) wird ordentlich aufgelöst. Was am Ende bleibt, ist das Bitterste: Olivaro erscheint zufrieden neben Asmodi II., der Dorian für erledigt hält. Die Quittung läuft auf Null. „Jetzt sind wir quitt.“ – mehr wird Olivaro nicht mehr helfen können. Das ist ein echter Verlust.
Viertes Buch: Die weiße Wölfin
Das vierte Buch ist das schnellste und in gewisser Weise das unterhaltsamste – nicht im besten Sinne des Wortes. Es ist Davenport im Genre-Modus: Flucht, Verkleidung, Undercover bei den Freaks, Enthüllung, Showdown. Das funktioniert als Lesefutter, aber es folgt auf drei inhaltlich dichtere Bücher, und die Abstiegslinie ist spürbar.
Dorian verliert beim Einreisen in London einen Tag Erinnerung und findet sich blutbespritzt mit einem Krummschwert neben sieben zerstückelten Leichen. Das ist ein brutaler, effektiver Einstieg. Die Konstruktion dahinter – Turan Capote als falscher Agent, ein Tag in Jennifer Jennings‘ Gewalt, Dorian als unwissendes Werkzeug der Schwarzen Familie – ist plausibel genug. Der O. I., der ihm nicht glaubt, Cohen und Powell, die auf ihn zielen, die Flucht über den Fluss mit Chapman auf dem Arm: Das ist kompetentes Spannungshandwerk.
Sheldon Young ist eine wirklich gelungene Figur: der Anführer der Londoner Freaks, über und über mit Augen bedeckt, nur in schwachem Licht lebend, warm und pragmatisch trotz allem. Sein Tod durch Eklund – kurz, brutal, mit einem Zettel Wer Hunter hilft, stirbt daneben – trifft umso mehr, weil Young dem Leser gerade zu gefallen begann. Trevor mit seinen vier Händen und seinem Talent zur Verkleidung ist eine vergnügliche Episode, und die Szene, in der ein verschlimmbessert aussehender Dorian in den Spiegel starrt, hat fast Humor.
Jennifer Jennings, die weiße Wölfin, ist der schwächste Antagonist des Bandes. Sie ist schön, mächtig, hat zwanzig Wölfe und Jörg Eklund als Liebhaber – aber wir sehen sie hauptsächlich durch Schlüssellöcher, und das Rätsel, das sie verkörpert (wer hat wirklich die sieben Menschen getötet?), bleibt zu vage. Dass sie am Ende ausgerechnet durch Phillips Wolfsblume stirbt – die Wölfin frisst die Blume, verwest – ist ein hübsches Bild, erklärt sich aber aus dem Kontext nicht vollständig. Es ist Magie als Plot-Device, und man spürt, dass Davenport ein Ende brauchte.
Phillips Blume ist überhaupt das faszinierendste Motiv des vierten Buchs. Dass aus seiner Brust eine echte Wolfsblume wächst, während er in Trance durch St. Albans führt – das ist die Art von surrealem Detail, das die Serie auf ihre besten Seiten bringt. Mehr davon hätte dem Buch gutgetan.
Zusammenhang und Gesamtbewertung
Band 3 ist der ambitionierteste der Reihe – und das ist sein größtes Verdienst und seine größte Schwäche zugleich. Das erste Buch allein würde als Meisterstück der Serie gelten: die Verknüpfung von Hexenverfolgungsgeschichte, Tagebuchroman und Gegenwartsdrama ist außergewöhnlich. Die Inquisition nicht als historische Kuriosität, sondern als dämonisches Instrument – das ist eine These, die Konsequenzen hat. Dorian/de Condes Schuld an Hunderten falscher Todesurteile wiegt schwerer als alle Monsterbekämpfung davor.
Das zweite und dritte Buch halten dieses Niveau mit unterschiedlichen Mitteln: Vlceks Sanatoriums-Kriminalthriller ist handwerklich brilliant, Davenports Wien-Roman atmosphärisch dicht. Das vierte Buch fällt ab – nicht weil es schlecht ist, sondern weil es nach den anderen drei kommt.
Was den Band insgesamt stark macht, ist das Bewusstsein für das, was auf dem Spiel steht. Dorian erfährt, wer er ist. Er verliert Olivaro als verlässlichen Verbündeten. Er geht in die Schweiz, allein, ohne Rückendeckung, ohne Secret Service. Asmodi glaubt, ihn erledigt zu haben – das gibt dem Ende eine Spannung, die kein Showdown liefern könnte.
Die Frage, die der Band stellt und offen lässt: Wie kämpft man weiter, wenn man weiß, dass man diese Niederlage schon hundertmal durchlebt hat?
Dieser Beitrag ist Teil einer fortlaufenden chronologischen Rezensionsreihe zur Dämonenkiller-/Dorian-Hunter-Serie.
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