
Dorian Hunter Buch 2: Freaks

Dorian Hunter ist Dämonenkiller | Dämonenkiller ist Dorian Hunter
DORIAN HUNTER / DÄMONENKILLER
BUCH 2
Enthaltene Romane:
– Der Griff aus dem Nichts
– Freaks
– Amoklauf
– Kinder des Bösen
– Im Labyrinth des Todes
Meine Bewertung: ★★★★☆
Wer Band 1 mochte, wird Band 2 nicht wegstellen können.
Mit dem zweiten Sammelband wächst die Welt des Dämonenkillers erheblich. Waren es im Auftaktband noch die Grundkoordinaten – Dorians Herkunft, der Schwur, die ersten Brüder, die ersten Verbündeten –, so spinnt Band 2 das Netz viel weiter aus: neue Kontinente, neue Allianzen, ein neues Figurenpersonal, das die Serie dauerhaft prägen wird. Und mittendrin jene seltsame Spezies, der der Band seinen Titel verdankt: die Freaks – aus der Schwarzen Familie ausgestoßene Dämonen, körperlich entstellt als Strafe für ihre Rebellion, und doch eine Art moralischer Grauzone, die dem Dämonenkiller das Leben mal rettet und mal zur Hölle macht.
Erstes Buch: Der Griff aus dem Nichts
Vlcek schickt Dorian nach Kalifornien, offiziell auf der Suche nach seinem Bruder Dr. Robert Fuller, einem Transplantationschirurgen mit teuflischen Ambitionen. Was Fuller treibt, ist in seiner widerlichen Konsequenz eines der stärksten Bilder des gesamten Bandes: ein riesiges Lebenskollektiv aus zusammengenähten Menschenteilen – ein Wesen, das existiert, denkt, leidet und sich nach Freiheit sehnt. Der Moment, in dem Dorian mit diesem grotesken Gebilde in Dialog tritt und die eingesperrten Individualitäten gegen ihren Schöpfer aufwiegelt, ist echter Schauer-Science-Fiction der alten Schule.
Drum herum baut Vlcek eine Hollywood-Kulisse auf, die er genüsslich auseinandernimmt: alternde Diven, zwielichtige Ärzte, ein fader Filmproduzent namens Jeff. Die Figuren sind absichtlich überzeichnet – Beverly Hills als Bühne, auf der jeder eine Rolle spielt. Dass Dorian ausgerechnet hier auf Lorna Blue trifft, eine junge Schauspielerin mit der Körperkraft eines Panzerschranks, und auf den verwachsenen Gnom Roul Schwartz, der sich später als FBI-Kontaktmann entpuppt, ist kein Zufall. Der erste Roman des Bandes ist schon strukturell eine Ouvertüre: Er führt Tim Morton ein, den FBI-Agenten und Dorians wichtigsten amerikanischen Verbündeten, dessen Geschichte (aufgezogen von einem ausgestoßenen Dämon, der ein Baby rettete) zu den rührenderen der Serie gehört. Das Lebenskollektiv richtet Fuller schließlich selbst. Dorian tötet Goddard, den Verwalter. Das FBI-Kommando vernichtet den Rest. Ein befriedigend brutales Ende – auch wenn Dorothy Malones Tod an der Stimmung nagt.
Zweites Buch: Der Teufelskreis
Der stärkste Roman des Bandes, und auch der komplexeste. Vlcek erzählt auf mehreren Ebenen gleichzeitig: Dorian in New York, gestrandet zwischen den Fronten; die Freaks als eigensinnige Armee mit eigener Agenda; die Schwarze Familie, die alle gegeneinander ausspielt; und im Hintergrund Frank Leary, der eigentliche Bösewicht – ein sadistischer Voyeur und Manipulator, der seinen Spaß daran hat, Menschenschicksale zu verknoten und dann beim Zerreißen zuzuschauen.
Leary ist eine der gelungensten Bösewichtfiguren dieser frühen Bände. Kein übermächtiger Zaubermeister, sondern ein Ästhet des Schreckens, der den Schmerz anderer als Kunstwerk begreift und dessen Perversion konsequent gegen ihn selbst gewendet wird: Er stirbt, weil er am eigenen Leiden zu viel Vergnügen findet. Das ist Vlcek in Bestform.
Der Teufelskreis heißt der Roman nicht umsonst. Dorian wird zum Sündenbock für Jimmys Tod, von den Freaks gejagt, von den Dämonen instrumentalisiert, von But Lintock verraten – dem Ausgestoßenen, der zurück in die Familie will und als Verräter seine Chance sieht. Der Tod von Sidney Morton (Tim Mortons Ziehvater) ist ein echter Schock. Dass Dorian mit Mortons eigener Waffe in diese Situation gerät und sich dann nicht rehabilitieren kann, ohne erst durch das komplette Fegefeuer des Teufelskreises zu müssen, macht den Roman zu einem Paradebeispiel dafür, wie man einen Protagonisten in die Zange nimmt. Und Learys Kreuzigung mit Silbernägeln, die er selbst am meisten genießt, bleibt ein unvergessliches Schlussbild.
Drittes Buch: Amoklauf
Luif nimmt die Serie aus dem westlichen Kosmos heraus und landet in Brunei – atmosphärisch eine echte Wohltat nach Beverly Hills und Manhattan. Dorian tritt hier als Ethnologe Gary Stack auf, was ihm erlaubt, die Vorgänge bei der Richardson-Familie zunächst von außen zu beobachten, bis er erkennt, dass sein Bruder Jerome Hewitt (Nummer fünf) dahintersteckt.
Das Konzept ist griffig: Haare, Fingernägel, Blutproben – der klassische Voodoo-Ansatz, hier nicht als folkloristische Kuriosität, sondern als handfestes Handwerkszeug der Schwarzen Familie. Hewitt will das Haus der Richardsons als Stätte für einen Hexensabbat entweihen, und die Amokläufe sind sein Werkzeug. Der Vater stirbt. Der Sohn Tony stirbt. Der Verlobte William March stirbt. Grace Richardson – in einer der gnadenlosesten Szenen des Bandes – wird von der Polizei erschossen und stirbt trotzdem nicht sofort. Dorian darf Hewitt am Ende nicht töten: Asmodi selbst bestrafte ihn für das Scheitern des Sabbats, und Hewitt ist nun ein entstellt-menschliches Wrack, kein Dämon mehr. Ein konsequent bitteres Ende, das Dorian die Genugtuung verweigert.
Der Roman trägt deutlich Luifs Handschrift: präziser, nüchterner, weniger barock als Vlcek. Das Borneo-Setting sitzt, auch wenn die Eingeborenen-Figuren stellenweise eher Kulisse als Charaktere sind. Cocos Telefonate aus London streuen etwas unangenehm Bürokratisches in die Dramatik – aber das Infrarstrahl-Kreuz-Finale, bei dem Dorian den Sabbat sabotiert, während er auf einem Baum hockt und Schaltknöpfe drückt, hat eine ganz eigene schräge Eleganz.
Viertes Buch: Duell mit den Ratten
Coco hat hier ihren großen Auftritt, und Vlcek nutzt ihn gut. Das Internat Kollegium Isacaaron – Asmodi betreibt offenbar auch Bildungseinrichtungen – ist ein herrlich muffiges Gothic-Setting: entstellte Lehrerschaft, sadistische Zöglinge, eine Direktorin, die mindestens 200 Jahre alt ist und deren Portrait in einem Londoner Trödler hängt. Dass dieses Porträt der Schlüssel zur ihrer Vernichtung ist und ein verrückter Übermalungskünstler namens Dirk Rainer – der nie weiß, was er da eigentlich tut – sie Strich für Strich zerstört, ist eine der feineren Ideen des Bandes.
Prosper Fludd, der zwölfjährige Dämonenknabenführer, ist beängstigend gut gelungen: kalt, intelligent, sadistisch auf eine Weise, die bei einem Kind besonders verstört. Die Miniaturguillotine für den Papagei. Die Ratten. Don Chapman in der Vogelfalle. Vlcek schreckt nicht zurück, und das tut dem Roman gut.
Weniger gut tut ihm die Parallelhandlung in London – Dorian, der ein Bild sucht, das er nicht kaufen wollte, und eine Inquisitionsabteilung, in die Miss Pickford eingezogen ist. Miss Pickford, die neugierige Haushälterin, die alles besser weiß und „Tod allen Dämonen!“ als Trinkspruch anbietet – das ist die komische Entlastung, die die Serie einzubauen versucht, und man muss ein Herz für solche Figuren mitbringen. Ich bringe es gerade noch.
Das Ende – die vier Dämonenkinder sperren sich ins Mausoleum ein, Prosper erdrosselt die drei anderen, stirbt selbst – hat etwas Shakespearesches. Niemand hat gewonnen.
Fünftes Buch: Im Labyrinth des Todes
Der Abschlussroman des Bandes ist der mutigste Versuch, Dorian wirklich an die Grenze zu bringen. Luif lässt ihn allein in Hongkong, ohne Unterstützung, ohne funktionsfähige Waffen, ohne Verbündete – und mit der Gewissheit, dass Coco tot ist. Und dann überhäuft er ihn mit der gesamten Schwarzen Familie auf einmal: Belial der Ghoul (Bruder Nummer sechs), drei weitere Brüder auf einem Fleck, Asmodi persönlich, ein Friedhof voller Leichenfresser und ein unterirdisches Labyrinth, aus dem es eigentlich keinen Ausweg gibt.
Das Hongkong-Setting nutzt Luif besser als sein Borneo zuvor: der arme Night Club, der Friedhof, das gelbe Bestattungsunternehmen Himmlischer Friede, das sich als Belials Hauptquartier entpuppt. Die Sequenz, in der Dorian das Grab ausgräbt und im Sarg nicht Coco, sondern eine von Ghouls abgefressene Unbekannte findet, ist eine der unangenehmsten des gesamten Bandes – und zwar auf die richtige Art.
Dass Coco in Wirklichkeit lebt und ebenfalls im Labyrinth gefangen ist, löst die schwerste emotionale Bürde des Romans auf. Dass ausgerechnet Olivaro – ein rätselhafter Mächtiger aus der Schwarzen Familie – beide befreit, „aus Gründen aus früheren Zeiten“, die nie erklärt werden, ist ein bewusst offener Faden. Belials Ende im brennenden Sarg ist gerecht. Und Cocos letzter Satz – „Ich bin sicher, dass du es bald erfahren wirst, aber ich weiß nicht, ob dich das Wissen glücklich machen wird“ – ist ein ordentlicher Cliffhanger für Band 3.
Zusammenhang und Gesamtbewertung
Band 2 ist größer, weiter und wilder als Band 1, und bezahlt dafür einen kleinen Preis an Kohärenz. Fünf Romane auf fünf Kontinenten, zwei Autoren mit unterschiedlichen Tempi, eine wachsende Figurenliste – das hält nur zusammen, weil die Serie ihre Grundspannung versteht: Dorian ist kein Held, der gewinnt. Er ist einer, der überlebt. Manchmal kaum.
Die stärksten Momente des Bandes sind die dunkelsten: das Lebenskollektiv, das nach Freiheit schreit; Sidney Mortons Tod durch Dorians eigene Waffe; Grace Richardson, die unter Kugelgarben nicht stirbt; Judith Skeates, die wahnsinnig wird und ins Wasser geht. Luif und Vlcek verstehen, dass Horror nicht vom Bösen kommt, sondern von dem, was das Böse mit normalen Menschen macht.
Die schwächsten Momente entstehen, wenn die Serie zu sehr Serienpflege betreibt: neue Mitarbeiter werden eingeführt und gleich wieder vergessen, Telefonkonferenzen mit London unterbrechen Bruneis Dschungel-Atmosphäre, und Miss Pickfords Auftritt als Comicrelief ist eine Wette, die knapp nicht aufgeht.
Aber wenn Vlcek Frank Leary an seinen eigenen Silbernägeln sterben lässt, oder wenn Luif Dorian allein und waffenlos durch einen Hongkonger Ghoul-Tunnel kriechen lässt – dann weiß man, warum diese Heftromanserie dreißig Jahre überdauert hat.
Dieser Beitrag ist Teil einer fortlaufenden chronologischen Rezensionsreihe zur Dämonenkiller-/Dorian-Hunter-Serie.
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