
Dorian Hunter Buch 1: Im Zeichen des Bösen

Dorian Hunter ist Dämonenkiller | Dämonenkiller ist Dorian Hunter
DORIAN HUNTER / DÄMONENKILLER
BUCH 1
Enthaltene Romane:
– Im Zeichen des Bösen
– Das Henkersschwert
– Der Puppenmacher
– Das Wachsfigurenkabinett
Meine Bewertung: ★★★★☆
Man muss sich das mal vorstellen: Juli 1973. Die bundesdeutsche Gruselliteratur boomt. An den Kiosken hängen Vampire, Werwölfe und Dämonen in Hülle und Fülle, wöchentlich frisch geliefert. Der geneigte Leser ist also keineswegs unterversorgt, was übernatürlichen Schauer angeht. Und in dieses bereits gut sortierte Sortiment an Schrecknissen hinein erscheint beim Pabel-Verlag das erste Dorian-Hunter-Abenteuer — und das, wenn man es einmal aufgeschlagen hat, so schnell nicht mehr loslässt.
Der erste Band der Zaubermond-Neuauflage versammelt vier der frühen Romane unter einem Buchdeckel: Im Zeichen des Bösen und Der Puppenmacher stammen von Ernst Vlcek, Das Henkersschwert und Das Wachsfigurenkabinett von Kurt Luif unter seinem Pseudonym Neal Davenport. Was dabei entsteht, ist kein zufälliger Sammelband, sondern ein konzeptionell durchdachter Einstieg in ein Serienuniversum, das seinen Lesern deutlich mehr zumutete als die meisten Groschenromane seiner Zeit.
Erstes Buch: Im Zeichen des Bösen
Vlcek fängt stark an. Ein klappernder Autobus voller merkwürdiger Fremder aus aller Welt, eine junge Engländerin namens Lilian und ihr Ehemann Dorian Hunter — groß, dunkle Augen, Schnurrbart, das übliche Heldenprofil, aber mit einem entscheidenden Unterschied — auf dem Weg in ein obskures Dorf nahe der jugoslawischen Grenze. Warum? Er weiß es selbst nicht genau. Irgendwelche Traumstimmen haben ihn gerufen. Genauso wie die anderen acht Männer, von denen sich herausstellt, dass sie alle am 14. Juli geboren wurden und alle neunundzwanzig Jahre alt sind.
Das Dorf Asmoda ist ein Paradebeispiel für atmosphärisches Setdesign: verwittertes Mittelalter, Bewohner, die bei der Ankunft der Fremden sofort alle Läden schließen, ein halbwahnsinniger Bursche namens Vukujev, der die Gruppe zum Schloss der Gräfin Anastasia von Lethian führt. Und dort, auf der Festtafel ohne Speisen, im Kerzenlicht, enthüllt die Gräfin die Wahrheit: Die versammelten Männer sind ihre Kinder, übernatürlich gezeugt, als Dämonen in menschliche Familien eingeschleust. Vampire, Werwölfe, Ghule — allesamt Teil einer Schwarzen Familie, deren Haupt der Fürst der Finsternis ist.
Nur Dorian passt nicht in dieses Bild.
Das ist das eigentliche Fundament der Serie, und es ist raffiniert: Dorian ist zwar der Sohn des Fürsten der Finsternis, aber er hat sich gegen diese Abstammung entschieden. Kein Held mit Superkräften — er kann Dämonen erkennen, das ist alles. In dieser Nacht auf Schloss Lethian ist sein einziger Schutz buchstäblich ein Geistesgestörter: Vukujev, vor dem die Dämonen aus unerfindlichem Grund fliehen. Das ist konzeptionell nicht banal. Der Held ist verletzlich, erschöpft, verzweifelt — und kämpft trotzdem.
Was dann folgt, ist eine ausgedehnte Horrornacht durch Katakomben, Gänge, eine Familiengruft voller erwachender Vampire und einen Hexensabbat im Obergeschoss. Vlcek hält das Tempo, baut die Schrecken sorgfältig auf und führt seinen Helden am Morgen in eine Dorfkapelle — wo er Lilian vorfindet, die den Verstand verloren hat.
Das ist das Ende des ersten Romans, und es ist ein bitteres. Dorian hat überlebt, die Gräfin ist zu Staub zerfallen, das Schloss ein Trümmerhaufen. Aber die Frau, für die er all das auf sich genommen hat, ist nicht mehr dieselbe. Vlcek gibt seinem Helden einen persönlichen Grund, weiterzumachen, der nicht Pflicht oder Berufung ist, sondern Wut und Schmerz. Gut so.
Ein Wort zu Vukujev, der in diesem Roman eine unvergessliche Nebenfigur ist: Ein Geistesgestörter als Schutzschild gegen die Mächte der Finsternis ist ein Einfall, den man nicht vergisst. Vlcek denkt ihn konsequent zu Ende — Vukujev stirbt, stürzt in einen Abgrund, weil er die Grenze zwischen Täuschung und Wirklichkeit nicht erkennen kann. Und mit ihm stirbt Dorians Schutz. Das ist sauber gebaut.
Zweites Buch: Das Henkersschwert
Luif springt in eine völlig andere Welt: Wien, November, ein Hotel in der Innenstadt, Kopfschmerzen, Nebel am Zentralfriedhof. Dorian ist auf dem Weg zu Lilian in der Psychiatrie. Und dann taucht sie auf.
Coco Zamis.
Schwarzes Haar, grüne Augen, ein verlorener Schleier auf einem Friedhof, ein Parfum, das durch verschlossene Türen dringt. Luif führt sie so ein, wie man eine Figur einführt, die man nicht mehr vergessen soll: rätselhaft, unzuverlässig, faszinierend. Eine Hexe, die Dorian mittels ihrer Künste betäubt, ihn manipuliert und in eine Falle lockt — und sich dann in letzter Sekunde gegen ihre eigene Familie entscheidet, weil sie sich in ihn verliebt hat.
Das klingt nach Klischee. Ist es aber nicht, weil Luif es nicht kitschig behandelt. Coco verliert durch diese Entscheidung ihre Hexenkräfte und ihre Familie. Dorian ist keineswegs dankbar — er ist wütend auf sie, und das zu Recht. Diese Spannung, dieses komplizierte Verhältnis zwischen der ehemaligen Hexe und dem Dämonenkiller, trägt die Serie über viele Bände.
Dazu kommt die Einführung einer weiteren wichtigen Figur: Donald Chapman, Secret-Service-Agent, Zyniker mit graumelierten Schläfen und einem erfrischend ungläubigen Blick auf Dorians Dämonenwelt. Dass dieser skeptische, elegante Mann am Ende dieses Romans zu einem dreißig Zentimeter großen Puppenmann geschrumpft sein wird — das ahnt man beim ersten Auftreten noch nicht. Aber Luif legt die Grundlage dafür bereits hier.
Der Roman spielt gut mit dem Wechsel der Schauplätze — von der Wiener Innenstadt über einen Begräbnisfriedhof bis zur unterirdischen Gruft unter einer Einsegnungshalle. Der dämonische Gegner, Bruno Guozzi aus Sizilien, den Dorian als seinen Bruder von der Hexenburg kennt, ist ein klassischer Wiedergänger: lebt von der Lebensenergie seiner Opfer, saugt Menschen regelrecht aus. Die Konfrontation mit ihm und die Wendung, dass Coco am Ende zu Dorians Seite steht, bilden einen befriedigenden Abschluss — auch wenn der eigentliche Preis dieser Geschichte erst im dritten Roman sichtbar wird.
Drittes Buch: Der Puppenmacher
Vlcek wieder. Und mit dem dritten Roman verlässt die Serie die mitteleuropäische Grusel-Atmosphäre und landet im grauen London-Dezember — in einem schäbigen Einfamilienhaus mit Puppenkostümen an den Wänden.
Der Einstieg gehört zu den eindrucksvollsten der ganzen Serie: Ein junges Mädchen, willenlos, betäubt, wird von einem Mann mit schweißnassen Händen durch ein dunkles Zimmer geführt — zu einem Puppenhaus, in dem sie alsbald dreißig Zentimeter groß eingesperrt sein wird. Roberto Copello, einst der Kriminologe aus Argentinien auf der Hexenburg, ist der Puppenmacher — einer von Dorians Brüdern, der Menschen auf Puppengröße schrumpfen kann.
Dies ist auch der Roman, in dem Donald Chapman vom skeptischen Secret-Service-Agenten zum dauerhaften Begleiter Dorians wird — allerdings zu einem dauerhaften Begleiter von dreißig Zentimeter Größe. Chapman, der bis zuletzt an keine Dämonen glauben wollte, wird selbst zu einem ihrer Opfer. Das hat eine bittere Ironie, die Vlcek ausgesprochen gut dosiert.
Die eigentliche Stärke des Romans aber liegt in der Figur des Hermaphroditen Phillip Hayward. Ein junger Mann mit weiblichen Körpermerkmalen, goldenen Augen und der Unfähigkeit, klar zu kommunizieren — aber mit hellseherischen Fähigkeiten, die ihn für die Dämonen zur Bedrohung machen. Aus der Überlieferung der Schwarzen Familie weiß Coco, dass alle hundert Jahre ein solches Wesen geboren wird, das zwischen Menschen und Dämonen steht, weder das eine noch das andere. Die Dämonen können es nicht töten — nur durch Umwege, durch menschliche Handlanger, durch Puppen.
Vlcek schreibt Phillip bewusst als rätselhaftes, unvollständiges Wesen. Er kann seine Erkenntnisse nicht artikulieren, er führt und weist den Weg, ohne erklären zu können warum. Das ist als erzählerisches Konzept anspruchsvoller als es zunächst erscheint: Die Exposition der Bedrohung, die Hinführung zum Showdown, muss über ein Wesen laufen, das verschlüsselt kommuniziert. Vlcek meistert das erstaunlich gut.
Das Ende — Copello stirbt, verwandelt durch seine eigenen Puppen, die sich gegen ihn wenden; Alina, das geschrumpfte Mädchen, stirbt mit ihm; Chapman bleibt für immer dreißig Zentimeter groß und beschließt, von nun an Dorians Kampf zu unterstützen — ist einer der stärkeren Romanschlüsse des ersten Bandes.
Viertes Buch: Das Wachsfigurenkabinett
Der zweite Luif-Roman des Bandes bringt eine neue Art Gegner: Elmer Landrop, Großgrundbesitzer aus Kapstadt, einer von Dorians Brüdern aus der Hexenburg-Nacht. Kein Vampir, kein Werwolf, sondern ein Schattenwesen — ein Dämon, der Menschen die Seelen rauben und sie zu willenlosen Schattengeschöpfen machen kann. Er hat damit begonnen, ein ganzes Dorf zu versklaven.
Luif arbeitet hier bewusst mit einer anderen Bedrohungsqualität als die vorangehenden Romane. Landrop ist kein Ungeheuer im klassischen Sinn — er hat Pläne. Er will systematisch vorgehen. Grayville war ein Test; danach kommt Bedford, Bristol, London. Er denkt in Kategorien, die weit über das persönliche Dämonentum hinausgehen. Das verleiht ihm eine andere Dimension von Gefährlichkeit.
Die Handlung verteilt sich über mehrere Schauplätze gleichzeitig: Dorian mit dem Hermaphroditen Phillip beim titelgebenden Wachsfigurenkabinett, Coco und die Agenten in Grayville, wo das verfluchte Dorf auf sie wartet. Luif jongliert diese Perspektiven ordentlich, auch wenn die Synchronisation der verschiedenen Handlungsstränge gelegentlich etwas mechanisch wirkt.
Das Wachsfigurenkabinett der Madame Picard ist eine gelungene Erfindung: eine Schaustätte für schlechten Kitsch im Erdgeschoss, und im Hintergrund eine Sammlung von perfekten Meisterwerken — Menschen, die zu Wachsfiguren wurden, die auf Befehl ihres Schöpfers zum Leben erwachen. Kurz: Ein Horrorkonzept, das in seiner schlichten Logik funktioniert.
Der Showdown — Landrop landet in einem Kessel voll kochendem Stearin, der Hermaphrodit überwindet ihn, alles brennt — ist spektakulär inszeniert, aber der Roman hat an diesem Punkt auch die komplexesten Figuren eingeführt: Phillip, der mehr weiß als er sagen kann; Chapman, der sich mit seiner dreißig Zentimeter großen Existenz zu arrangieren beginnt; und Coco, die von Landrop beinahe zur Sklavin gemacht worden wäre und trotzdem am Ende wieder aufsteht.
Zusammenhang und Gesamtbewertung
Was diese vier Romane zusammenhält, ist mehr als der Held. Es ist ein Serienkonzept, das in seiner Zeit außergewöhnlich war: Jeder Roman schließt eine Geschichte ab — aber keine Geschichte schließt ohne Konsequenzen. Lilian bleibt wahnsinnig. Chapman bleibt dreißig Zentimeter groß. Coco schließt sich Dorian an, aber mit gebrochenem Hexenstatus. Phillip taucht als Figur auf, die erkennbar mehr Bedeutung für die Serie haben wird.
Das ist Serienerzählung, bevor das Wort dafür erfunden war.
Die Arbeitsteilung zwischen Vlcek und Luif ist dabei interessant: Vlcek neigt zu dichterer Atmosphäre, zu psychologischer Komplexität, zu Figuren mit wirklichem Innenleben (Vukujev, Phillip). Luif ist handwerklich stärker in der Plotkonstruktion, im eleganten Tempo, im Setzen von Wendungen. Gemeinsam ergeben sie ein Autorenduo, das sich sinnvoll ergänzt.
Was nicht so gut altert: Die Frauenfiguren des ersten Romans. Lilian ist hauptsächlich Opfer — sie zittert, sie verliert den Verstand, sie bleibt Sinnbild für Dorians Motivation. Coco macht diese Schwäche ab dem zweiten Roman weitgehend wett. Sie ist komplex, gefährlich, eigenständig. Aber der erste Roman krankt noch an dem Klischee der hilflosen Ehefrau.
Und die Handlungslogik hat ein, zwei Stellen, an denen man die Stirn runzelt. Warum lässt die Gräfin Dorian überhaupt entkommen? Vlcek liefert eine Erklärung — sie stirbt, wenn er sie verleugnet, das sei Naturgesetz — die man eher akzeptiert als wirklich versteht. Solche Momente gibt es, und man vermerkt sie, ohne die Freude am Roman dadurch wesentlich zu schmälern.
Der erste Dorian-Hunter-Band ist kein perfektes Buch. Es sind vier Groschenromane, die das bleiben, was sie sind. Aber sie sind vier Groschenromane, die einer schnelllebigen Massenmarktgattung eine erzählerische Tiefe gaben, die man ihr schlicht nicht zugetraut hätte. Ernst Vlcek und Kurt Luif haben hier das Fundament für eine Serienfigur gelegt, die über fünfzig Jahre Überlebensfähigkeit beweisen sollte — was für einen Heftromanhelden, dem 1977 und 1986 jeweils abrupt das Licht ausgedreht wurde, eine erstaunliche Bilanz ist.
Dorian Hunter raucht übrigens Players. Seine Zigarettenmarke ist seit der ersten Seite dieselbe. Das nenne ich Konsequenz.
Dieser Beitrag ist Teil einer fortlaufenden chronologischen Rezensionsreihe zur Dämonenkiller-/Dorian-Hunter-Serie.
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