Info Box

Gespenster-Krimi Nr. 200. Das ist eine Zahl mit Gewicht — und gleichzeitig eine, die ein bisschen Aufklärung braucht, denn die Gespenster-Krimi-Reihe des Bastei-Verlags ist bekanntlich nicht einfach durchnummeriert bis in alle Ewigkeit. GK 200 ist ein Jubiläumsheft, erschienen 2026, ca.…

DER HEXER
Gespenster-Krimi Nr. 200
Rezension und Vergleich mit der Originalserie (1984–1987)
Autor: Wolfgang Hohlbein  •  Bastei-Lübbe AG, Köln  •  2026

Einordnung: Was ist das hier eigentlich?

Gespenster-Krimi Nr. 200. Das ist eine Zahl mit Gewicht — und gleichzeitig eine, die ein bisschen Aufklärung braucht, denn die Gespenster-Krimi-Reihe des Bastei-Verlags ist bekanntlich nicht einfach durchnummeriert bis in alle Ewigkeit. GK 200 ist ein Jubiläumsheft, erschienen 2026, ca. vierzig Jahre nach dem Beginn der eigenständigen „Der Hexer“-Serie — und er ist zweierlei zugleich: ein Nostalgieprodukt und ein Versuch, die Reihe in die Gegenwart zu holen.
Wolfgang Hohlbein schreibt (wohl) selbst. Das ist die erste und wichtigste Information. Kein Gastautor, keine Überarbeitung, keine aus alten Manuskripten zusammengeklaubte Collage — der Mann, der 1984 in GK 567 begann und 1987 in Band 49 aufhörte, ist wieder da und liefert eine neue Geschichte mit Robert Craven, Howard Lovecraft und Rowlf ab. Allein dafür verdient das Heft Respekt. Ich, Achtung:, persönlich vermute aber, dass Michael Schönenbröcher durchaus den einen oder anderen Finger am Text hatte. Wieviel? Das ist reine Spekulation. Und wenn dem so wäre, wäre es m. E. auch keinesfalls „schändlich“. Nicht, dass das in irgendeiner Art falsch verstanden werden sollte.
Der Umfang ist im Vergleich zur Originalserie verdoppelt: 128 Seiten statt 66. Das ist keine Kleinigkeit und beeinflusst den Erzählrhythmus erheblich, wie noch zu erläutern sein wird.

Inhalt — (hoffentlich) spoilerfrei

London, spätes 19. Jahrhundert. Robert Craven macht Bekanntschaft mit Gladys, einer aufgedrehten jungen Fotografin, die Howard und Rowlf ihm — zum Vergnügen der beiden Schlingel — als Überraschung präsentieren. Während Gladys enthusiastisch über Kunst, Technik und die Tower Bridge doziert, kracht ein Hochseeclipper mit voller Fahrt in eben diese Brücke: rätselhaft, keine Überlebenden, aber auch keine Leichen.
Parallel dazu — und dieser Parallelplot ist die eigentliche Stärke des Heftes — laufen zwei weitere Handlungsstränge: Ein Forschungsschiff hat im Tiefseeschlamm des Atlantiks etwas heraufgeholt, das besser unten geblieben wäre. Und in einer Londoner Kirche suchen drei fremdartige Wesen Zuflucht — grünhaarig, schwimmhautbewehrt, mit Kiemenlinien am Hals, die sich nur mühsam hinter menschlicher Schönheit verbergen.
Fischleute. Innsmouth-Nachfahren. Etwas Uraltes aus der Tiefe, das nach oben drängt und London als Schauplatz gewählt hat.
Das Heft endet als «2. Buch» — mit dem expliziten Verweis auf eine Fortsetzung. GK 200 ist also kein in sich geschlossenes Abenteuer, sondern der Auftakt zumindest eines Mehrteilers. Ob daraus mehr wird, bleibt abzuwarten. Das ist handwerklich okay, aber es bedeutet auch: Wer auf eine runde Geschichte hofft, wird zunächst einen Cliffhanger bekommen.

Was gut funktioniert

Die Atmosphäre
Das viktorianische London ist sofort wieder da. Hohlbein hat nichts verlernt, was das Schreiben von Atmosphäre angeht: der Dunst über der Themse, der Geruch nach Petroleum und faulendem Tang, das Knarren der Docks, die kalte Luft, die an Haut und Kleidung zieht. Die Eröffnungsszene mit McClennan auf der Squid — ein alter Seemann, der ohne erklärbaren Grund krank vor Angst ist — ist klassischer Hohlbein: das Grauen eingeführt als Körpergefühl, bevor es Gestalt annimmt.
Wer die Originalserie kennt, wird sich sofort zu Hause fühlen. Das ist kein Zufall: Hohlbein hat diesen Ton nie verlernt, auch wenn er in den Jahrzehnten dazwischen andere Genres und andere Tonlagen bedient hat.

Das Ensemble
Howard und Rowlf sind exakt so, wie man sie kennt und liebt: Howard grummelig und klug, Rowlf mit dem breiten Grinsen des Mannes, der genau weiß, was er tut, auch wenn es nach Dummheit aussieht. Die Szene, in der die beiden Robert Gladys als Überraschung präsentieren und sich dabei diebisch amüsieren, während Robert sie mit Blicken zu filetieren versucht — das ist Charakterzeichnung auf engstem Raum, fehlerfrei ausgeführt. Man braucht keine Vorkenntnis, um die Dynamik zu verstehen, aber wer die Originalserie gelesen hat, lacht lauter.
Robert selbst ist älter (sieht nach Aussage Cohens aber nicht älter aus), aber nicht grundsätzlich anders. Etwas erschöpfter vielleicht, etwas zynischer im Ton — was zur Figur passt, wenn man bedenkt, was er in den „alten“ 57 Bänden durchgemacht hat.

Der Innsmouth-Mythos
Die Fischmenschen sind gut eingeführt: bedrohlich, fremd, aber nicht eindimensional. Die Szene in der Kirche — Schwester Gertrud, die zugleich Mitleid und Todesangst empfindet, und die drei Wesen, die zwischen Hilfsbereitschaft und Brutalität schwanken — ist konzeptuell reizvoll. Hohlbein zeigt, dass er auch 2026 noch ein Händchen dafür hat, den Lovecraftschen Mythos nicht als bloße Monster-Kulisse zu benutzen, sondern als Quelle echter Ambivalenz.

Was sich verändert hat — der Vergleich mit 1984

Das Tempo
Die Verdoppelung des Seitenumfangs hat einen Preis. Die Originalserie erzählte in 66 Seiten mit einer Konsequenz und Dichte, die kein Wort verschwenden durfte. GK 200 hat 128 Seiten — und man merkt es. Die Szene mit Gladys an den Docks ist gut geschrieben, aber sie dehnt sich. Der Parallelplot mit Folsom auf dem Polizeiboot hat atmosphärische Qualität, aber er dauert länger als nötig. Der Erzähler hält inne, reflektiert, beschreibt — mehr als die frühen Bände es je getan hätten.
Das ist nicht unbedingt ein Fehler. Es ist eine andere Entscheidung. Der Hohlbein von 2026 schreibt Romane und keine Heftromane, und das merkt man dem Rhythmus an. Wer die Originalhefte als Maßstab nimmt, wird GK 200 als gemächlicher empfinden. Wer die Taschenbuchadaptionen gewohnt ist, wird sich heimischer fühlen.

Die Produktionsmittel
Eine Bemerkung, die sachlich sein soll, nicht wertend: Das Titelblatt von GK 200 wurde laut Impressum «unter Verwendung von KI-Software» erstellt. Das ist 2026 keine Seltenheit und kein Skandal, aber es ist ein sichtbarer Unterschied zu den Originalcovern von David Hardy und anderen Illustratoren, deren charakteristischer Stil die Heftromane der 1980er Jahre visuell geprägt hat. Wer die alten Cover kennt und liebt, wird das bemerken.

Was aus Band 49 wurde — die Mini-Erklärung (Mini-Spoiler)

Wer sich nach dem Ende von Band 49 — dem abgebrochenen Satz des „Herausgebers“, dem offenen Schicksal Roberts, der offenen Frage, ob die Großen Alten besiegt wurden — jahrzehntelang gefragt hat, was eigentlich passiert ist: GK 200 liefert eine Antwort. Sie steckt in einem Gespräch zwischen Robert, Howard und Rowlf, das beiläufig und ohne großes Aufheben eingebettet ist.
Die Kurzfassung: Robert hat mit Cthulhu einen Handel geschlossen. Er gibt den Kampf gegen die Großen Alten auf, Cthulhu verschont dafür sein Leben und das seiner Freunde. Seitdem — «fünfzehn Jahre», sagt Robert — hat er nichts mehr von den Großen Alten gehört. Die Welt lebt weiter, Robert lebt weiter, Howard grummelt, Rowlf grinst.
Das ist die Erklärung. Und falls du das siehst wie ich, hast du völlig recht: Sie wirkt ein bisschen platt. Nicht weil die Idee schlecht wäre — ein Waffenstillstands-Handel mit Cthulhu hat durchaus lovecraftschen Charme, die Vorstellung, dass Robert einfach aufgehört hat, ist sogar psychologisch interessant — sondern weil sie so beiläufig kommt. In einem kurzen Gespräch am Kaminfeuer, zwischen Katz-Kraulsession und Howards Zigarrenrauch, wird das Ende von 49 Bänden in wenigen Absätzen abgefrühstückt. Kein Gewicht, keine Verarbeitung, keine echte Auseinandersetzung damit, was dieser Handel bedeutet. Howard stellt die richtigen kritischen Fragen — «Du glaubst dem Wort eines Ungeheuers?» — aber Robert winkt ab, und das Thema ist (erst mal?) beendet.
Man spürt, dass Hohlbein das offene Ende von Band 49 schließen musste, ohne zu viel Zeit darauf zu verwenden. Das Ergebnis ist eine Erklärung, die technisch funktioniert, aber emotional nicht das einlöst, was das Finale von Band 49 versprochen hatte. Wer nach vierzig Jahren auf einen echten Abschluss gehofft hatte, wird leicht enttäuscht zurückbleiben.
Außerdem darf ich noch auf folgenden Satz im letzten „Der Hexer“-Heftroman hinweisen:
„Niemand weiß, was aus Robert Andara-Craven wurde. Meine diesbezüglichen Nachforschungen, die ich mit großem Ernst angestellt habe, verliefen ausnahmslos im Sande.“
Hm …
Nachtrag
Aus dem Vorwort von Frank Rehfeld des Buches „Der Sohn des Hexers, Weltbild-Edition, Buch 2“

Was aber war die Alternative, nachdem Robert selbst nun einmal definitiv tot war?

Die Lösung, die uns schließlich beiden am gelungensten erschien, bestand aus einer Kombination beider hier vorgestellter Ideen, von denen jede für sich allein uns unvollkommen und nicht spektakulär genug erschien. Howard reist in der Zeit zurück, doch misslingt es ihm, Robert vor dem Tod zu retten. Aber er hüllt ihn in den letzten Sekunden seines Lebens in ein Zeitfeld und verhindert seinen endgültigen Tod, damit Frankenstein Roberts Körper in jahrelanger Arbeit heilen kann. So gibt es keinen logischen Bruch gegenüber den Geschehnissen in Heft 49 und nichts von dem, was dort passiert, wird ungeschehen gemacht.

Das alles beißt sich doch arg mit der Erklärung, die im GK 200 steht, wewegen ich meine ursprüngliche Bewertung, die weiter unten steht, noch um einen halben Punkt nach unten korrigiert habe.

Der Cliffhanger

Die Originalserie hatte Cliffhanger — viele, und gute. Aber die meisten ihrer Bände waren zumindest in einer Art Mini-Zyklus abgeschlossen: Man bekam eine Geschichte, die zu einem Punkt geführt wurde, auch wenn der nächste Band schon am Horizont wartete. GK 200 endet explizit als «Ende des 2. Buches» — was bedeutet, dass man ohne Fortsetzung keinen abgeschlossenen Bogen bekommt. Das ist eine Entscheidung, die für Serienleser nachvollziehbar ist, für Einsteiger aber frustrierend sein kann.

Der neue Kontext: Was bedeutet GK 200?

GK 200 erscheint nicht im Vakuum. Es ist Teil einer Rückkehr zum Hexer-Stoff, die Hohlbein in den letzten Jahren mit dem Jubiläumsbuch (2024) und anderen Publikationen angegangen hat. Die Reihe hat ihre Fangemeinde nie verloren — der „Hexer“ ist in Deutschland Kultstatus, auch wenn er nie die Massenaufmerksamkeit bekam, die er verdient hätte — und dieser neue Band ist der Beweis, dass Hohlbein die Figur nicht losgelassen hat.
Was das für die Zukunft bedeutet, ist offen. Ist GK 200 der Auftakt einer neuen Heftroman-Subserie? Ein Einzelversuch? Eine Brücke zu weiteren Taschenbüchern? Der Text selbst gibt keine Antwort darauf. Was er gibt, ist ein klares Signal: Robert Craven lebt, London ist noch dunkel, und etwas Uraltes drängt aus der Tiefe.
Das ist, nach allem, kein schlechter Ausgangspunkt.

Fazit

GK 200 ist kein perfektes Heft — aber es ist ein ehrliches. Hohlbein schreibt nicht so, als hätte Robert Craven die letzten vierzig Jahre nicht existiert; er schreibt wie jemand, der sie hinter sich hat und trotzdem weiß, warum er damals angefangen hat. Die Atmosphäre stimmt, die Figuren sitzen, der Mythos ist respektiert.
Was fehlt, ist die komprimierte Wucht der Originalbände — jene 66-Seiten-Dichte, bei der kein Absatz Luft holen durfte. Das ist kein Versagen, sondern eine Verschiebung: GK 200 denkt in Romandimensionen, nicht in Heftromandimensionen. Ob das gut oder schlecht ist, hängt davon ab, was man erwartet. Es gibt ja auch einige Leser, die damals der durchaus legitimen Meinung waren, dass diese „Wucht“ oft des Guten zuviel war.
Wer die Originalserie geliebt hat und auf ein Wiedersehen mit alten Freunden hofft, wird glücklich sein. Wer genau den Rhythmus von 1984 zurückwill — nüchtern, atemlos, ohne Umwege — wird sich anpassen müssen. Beides ist verständlich.
Für das, was es ist — ein Rückkehrversuch nach fast vierzig Jahren, von demselben Autor, mit denselben Figuren, in demselben Universum — ist GK 200 mehr als respektabel. Es ist der Beweis, dass der Hexer noch lebt. Und dass Hohlbein es noch kann.
★★★½☆
3,5 von 5 Sternen — mit wirklicher Vorfreude auf die Fortsetzung

Schnellvergleich: Originalserie vs. GK 200

Atmospäre
Gleichwertig. Hohlbein hat das viktorianische London nicht vergessen.

Tempo
GK 200 ist ruhiger und ausladender. Die Verdoppelung des Umfangs hat ihren Preis.

Figuren
Howard, Rowlf und Robert sind sofort wiedererkennbar. Kein Rost.

Mythos
Innsmouth-Fischmenschen, Tiefseegrauen, ambivalente Wesen — lovecrafttreu und eigenständig.

Abschluss
Kein in sich geschlossener Bogen — explizit als Auftakt(?) konzipiert.

Cover/Produktion
KI-generiertes Titelbild ersetzt die klassischen Hardy-Illustrationen. Sichtbarer Unterschied zur Originalserie.

Bibliographische Daten
Der Hexer, Gespenster-Krimi Nr. 200 • © Bastei-Lübbe AG, Köln • 2026
Autor: Wolfgang Hohlbein • 128 Seiten • ISBN 978-3-8198-0076-4
Titelbild: Bastei Verlag (unter Verwendung von KI-Software) • Illustration Innenteil: Shutterstock AI

© Thomas Born, Juni 2026


Die Regeneration

Aktiviere deinen biologischen Zündfunken.

Dein Fahrplan

Sichere dir den Vorsprung!

Der Ursprung

Warum ich das tue:

Impressum
Datenschutz
WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner